Es ist Montag, der 25. April 1983. Ich bin 16, Schüler an einem Moerser Gymnasium, und auf dem Weg in die Turnhalle. Zwei Stunden Sportunterricht stehen auf dem Tagesplan – eigentlich ein munterer Start in die Woche! Doch meine Mitschüler haben etwas dagegen, und bei näherer Betrachtung der Sachlage nicht wirklich sie.

ADAC-Eifelrennen Nürburgring 1982: Rolf Stommelen mit dem Kremer-Porsche 936.005 im Streckenabschnitt „Wehrseifen“ der Nürburgring-Nordschleife; Fotografie: Carsten Krome (15)

Denn das Schicksal hat zugeschlagen, irgendwo dort drüben, in Amerika, ohne Internet, Handy und Fernsehen auf mehr als drei Kanälen, am gefühlten anderen Ende der Welt. ”Du Carsten, haste schon gehört?”, fragt mich der erste, ”da hat sich schon wieder einer von Deinen Rennfahrern totgefahren. Eine Scheiße ist das!” Dass ich mich am liebsten mit meinem Vater am Nürburgring herumtreibe, wissen meine Lehrer, Mitschüler, sogar der Schuldirektor. Einmal genehmigt er mir Sonderurlaub, weil ich ihn bekniet habe. Auch, um meine Stars wie Rolf Stommelen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Ich bin neun Jahre alt, als die Sucht nach Autorennen in mir wie ein Vulkan ausbricht. Ausgerechnet Rolf Stommelen ist am 4. April 1976 der erste meiner Götter in feuerfesten Rennanzügen, die ich auf mich zurasen sehe. Oben auf der Breitscheidbrücke der Nürburgring-Nordschleife, im Regen, ich noch ein Kind, er auf Jungfernfahrt im Porsche 936-001, der ”schwarzen Witwe”. Zwar gewinnt er dieses Rennen nicht, aber er ist der erste Führende, den ich zu Gesicht bekomme. Alles, was ich in diesem Augenblick in mich aufsauge – Bild, Ton, Geruch, das Erdbeben in mir, verändert mein Leben.

Rolf Stommelens ”Schwarze Witwe”: 936 Nummer 001 beim 300-Kilometer-Rennen Nürburgring 1976; Archivbild: Historisches Archiv der Porsche AG

Ich kaufe mir nie wieder ein Comicheft, ich lese von nun an ”rallye racing”. Und schwöre mir mit neun Jahren, mir und meinem Vater, irgendwann in dieser Zeitschrift meine eigene Geschichte zu lesen. Ich schaffe es, es ist 1995, und mein erster Beitrag in ”rallye racing” heißt ”Siegen ist ihr Hobby”. Mein erstes Rennfahrer-Idol ist zu diesem Zeitpunkt schon lange tot, gestorben am 24. April 1983, einem Sonntag, in Riverside, USA. Rolf Stommelen ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt, und seiner Frau Marlene hat er daheim versprochen, bis zum 40. Geburtstag aufzuhören. Die Tragik seines fatalen Unfalls begreife ich erst 2002, an einem fürchterlich regnerischen Freitag. Ich sitze mit meinen Freunden Ekkehard Zimmermann und Volker Kamke in einer Pizzeria in der Nähe von Köln, wo Rolf zu Hause gewesen ist. Ekkehard, der im Auftrag von Porsche Kremer 1982 den CK5, einen Gruppe-C-Prototypen entworfen hat, pflegt zum Brillenträger und Rennradfahrer aus dem noblen Kölner Stadtteil Hahnwald ein besonderes Verhältnis. Über den Tod hinaus, und der Kremer-CK5 ist die letzte Zimmermann-Kreation gewesen, die Rolf Stommelen gefahren hat.

Dasselbe Chassis, der größte Sieg: 936.001 bei den 24 Stunden von Le Mans 1977 mit Jürgen Barth; Archivbild: Historisches Archiv Porsche AG

Einmal übrigens sogar mit Stefan Bellof, dessen unfassbares Talent 1982 für jedermann sichtbar wird. ”Du, der Rolf”, öffnet Ekkehard Zimmermann vorsichtig die Schatzkiste seiner Erinnerungen, ”hatte 1975 in der Formel 1 einen schrecklichen Unfall, ausgelöst durch einen Bruch des Heckflügels. Fünf Zuschauer und Streckenposten starben. An jedem seiner späteren Rennfahrzeuge hat Rolf am Heckflügel gerüttelt. Er wollte sich vergewissern, ob er auch wirklich fest sitzt.” In Riverside stirbt der Enddreißiger, weil sich am Porsche 935 des englisch-amerikanischen Rennstalls von John Fitzpatrick bei Höchstgeschwindigkeit der nachträglich hochgesetzte Heckflügel löst. Das US-amerikanische IMSA-Reglement lässt dieses im Gegensatz zur europäischen Gruppe 5 zu. Führungslos geworden, wird der über 300 km/h schnelle Silhouetten-Prototyp zum Spielball der Physik. Hatte der Deutsche Rennsportmeister von 1977 vielleicht eine düstere Vorahnung, ahnte er sein Schicksal? Vieles spricht für diese Theorie. Denn da gab es in der mythengleichen Welt der Rennhelden von einst einen Parallelfall. Herbert Müller, am 23. Mai 1981 auf der Nürburgring-Nordschleife in einem Feuerball ums Leben gekommen, untersuchte jedes seiner Hotelzimmer bei Bezug auf mögliche Fluchtwege. Nach einem dramatischen Unfall bei der Interserie fürchtete der ”Stumpen-Herbie” aus der Schweiz das Feuer.

Ausfall mit Motorschaden (I): Der Le-Mans-Einsatz 1980 steht unter keinem guten Stern, Rolf Stommelen und Axel Plankenhorn erledigen in Tetsu Ikuzawas umgebautem 934er (930 670 0163) den Hauptteil der Lenkrad-Arbeit; Archivbild: Bilstein

Spannender Stoff, finden Sie? Ja, in der Tat! Geschichten wie diese würden Bücher füllen. Vielleicht generell die Story der Porsche-Prototypen und all jener Legenden, die sie prägten. Dies- und jenseits der Boxenmauer.

Verantwortlich für den Inhalt: Carsten Krome

Zurück zu netzwerkeins.com:

https://www.netzwerkeins.com/2019/04/24/ein-tag-im-april-1983-erinnerungen-an-rolf-stommelen-meinem-jugendidol/