26 Messeveranstaltungen im Jahr, 80.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, 300.000 Besucher im Jahr, 4.500 Aussteller, aber nur 15 feste Mitarbeiter als operative Basis – das sind beeindruckende Daten. Sie belegen den Erfolg des einzigen privaten Messezentrums im Ranking der fünfzehn wichtigsten Messen in Deutschland. Erst Ende der sechziger Jahre erfolgte die Grundsteinlegung einer ersten Ausstellungshalle. Ort der Handlung: Bad Salzuflen, seinerzeit blühender Kurort in Ostwestfalen-Lippe. Was auf den Startschuss folgte, erinnert an ein Kapitel aus der Ära des Wirtschaftswunders. Heute wird die Messe Ostwestfalen GmbH in dritter Generation von der Gründerfamilie Reibchen geführt. Das Steuerrad hält ein Sportwagen-Connaisseur fest in den Händen. Andreas Reibchen (49) hegt Pläne, eine Automobilmesse für die Region Ostwestfalen- Lippe wieder zu beleben. Carsten Krome traf einen umtriebigen, aber auch erstaunlich bodenständigen Unternehmer.

Angefangen hat alles mit dem „Trecker“. Damit ist nicht etwa eine Landmaschine gemeint, sondern einer der Pioniere, die in der Nachkriegszeit alles auf eine Karte gesetzt haben. Wilhelm Reibchen hatte damit über den Tod hinaus Erfolg. Der Mann, den sie „Trecker“ nannten und der viel zu früh verstarb, grün- dete in Schötmar bei Bad Salzuflen eine Spedition. Der Umzug ins Gewerbegebiet Holzhausen und der Bau einer Speditionshalle waren die nächsten Schritte. Sein Sohn Dieter Reibchen führte das Geschäft weiter. BASF und die Farbwerke Höchst trugen als Großkunden zu weiterem Wachstum bei. Darüber hinaus fragte ein In- teressent eine 4.000 Quadratmeter große Gewerbehalle an. Der Vater hatte ein Grundstück erworben, das dazu geeignet war. Nachdem die Halle errichtet worden und der Dauermieter eingezogen war, wunderte sich Dieter Reibchen über die Ruhe im Objekt. Er bemerkte, dass in der Halle unregelmäßig Bewegung war. Des Rätsels Lösung: Ein Importeur ostdeutscher Möbel richtete dort seine Fachmessen aus – immer im Herbst eines jeden Jahres, parallel zu den Herbst-Hausmessen der Firma Schieder Möbel aus dem gleichnamigen Ort in Ostwestfalen-Lippe. In erstklassiger Verkehrslage konnten sich die Einkäufer der Möbelhäuser über das Angebot der Branche informieren und ihre Bestellungen platzieren. Das funktionierte so gut, dass Dieter Reibchen auch andere Kunden ansprechen konnte. Den unterschriebenen Mietvertrag legte Dieter Reibchen dann bei seiner Hausbank vor. So erreichte er die Finanzierung einer zweiten Halle. Nach diesem Prinzip ging es immer weiter. Eine Halle nach der anderen entstand, stets belegt von regionalen Möbelfabrikanten. 1984 fand erstmals eine zentral koordinierte Möbel-Ordermesse statt. Der Mehrwert für die Kunden: ein gemeinsamer Termin, ein gemeinsamer Katalog. Das Konzept kam hervorragend an. Das Konglomerat der angesammelten Ausstellungshallen verdichtete sich zu einem rein privat betriebenen Messezentrum, dem größten im gesamten Bundesgebiet.

Zu dieser Zeit flitzte Dieters Reibchens Sohn Andreas, Jahrgang 1967, mit dem Kart um die Messehallen. Früh hatte er sich für Motoren und Technik interessiert, zu schrauben und zu tüfteln begonnen. In dieser Hinsicht trat er in die Fußstapfen seines Großvaters Wilhelm Reibchen – der „Trecker“ hatte ähnliche Neigungen, war Praktiker durch und durch. Währenddessen wuchs das Messegelände bis 1991 auf 40.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche an. Nach der Möbelbranche beabsichtigte auch die Kunststoff verarbeitende Industrie, sich im Messezentrum Bad Salzuflen zu präsentieren. Freilich waren die Ansprüche an eine Messehalle gänzlich andere. Die Konsequenz: Weitere Baumaßnahmen folgten. Bis zur Saison 1993/94 war nicht nur die 20. Messehalle ihrer Bestimmung übergeben worden, sondern auch die Ausstellungsfläche auf imposante 60.000 Quadratmeter angewachsen. Bis zum heutigen Tag sind es übrigens 80.000 Quadratmeter einschließlich der 2005 errichteten Messehalle 23. Mit Andreas Reibchen ist inzwischen ein Vertreter der dritten Generation in den Familienbetrieb eingetreten. Nach einer Lehre im Kraftfahrzeug-Handwerk – einer Herzensangelegenheit für ihn – und einer kaufmännischen Ausbildung gleich im Anschluss stellte er sich mit einer Messe-Betriebsgesellschaft auf eigene Füße. Zum Portfolio zählte auch ein regionaler Autosalon, eine „IAA Ostwestfalens“ mit Beteiligungen fast aller relevanten Automobil-Hersteller. Nach einer Kunstpause soll das Projekt demnächst wieder aufgegriffen werden, denn: Inzwischen ist An- dreas Reibchen zusammen mit seinem Mit-Geschäftsführer Bernd Schäfermeier für die Geschicke der Messe Ostwestfalen GmbH allein verantwortlich. Die zweite Generation nach dem legendären „Trecker“, Dieter und Rosemarie Reibchen, haben sich vor fünf Jahren aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen. Sie übergaben die Stafette in der Gewissheit, den Messestandort Bad Salzuflen nicht nur auf Platz fünfzehn im Ranking der wichtigsten Messen Deutschlands nach vorn gebracht zu haben. Gleichzeitig ist das Messezentrum am Rande des Kurorts das wichtigste privat geführte im Bundesgebiet.

Das ist natürlich nur mit klaren, eindeutigen Strukturen und flachen Hierarchien machbar. Der Stamm der festen Mitarbeiter übersteigt gerade einmal ein Dutzend, und nach wie vor ist ein großer Teil der Messehallen an die Möbelindustrie fest vergeben. Andreas Reibchen zum Heimvorteil: „Wir liegen nahe der Autobahn A2 auf der Ost-West-Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet und Berlin. Nach wie vor ist es für die Einkäufer entscheidend, sich möglichst zeiteffizient einen Überblick über die aktuelle Lage am Markt zu verschaffen – und wir bieten dieses Schaufenster, neben der Möbelbranche auch für andere Marktumfelder.“ Dass er sich als bekennender Sportwagen-Connaisseur auch für eine Neuauflage des ostwestfälischen Autosalons stark macht, liegt auf der Hand. Der umtriebige Geschäftsmann ist an mehreren Vertretungen der Motorrad- Kultmarke Harley-Davidson in Osnabrück, Bielefeld und Düsseldorf beteiligt. Weitere Standorte in Nordrhein-Westfalen sind durchaus denkbar. Wann immer es seine knappe Zeit erlaubt, dreht Andreas Reibchen schnelle Runden auf dem Bilster Berg, der vom Messezentrum Bad Salzuflen nicht allzu weit entfernt ist. Der Freizeitsport im Porsche 911 GT3 der ersten Serie ist freilich kein Selbstzweck, sondern eine Gelegenheit zum Netzwerken. Einer wie er hat niemals Feierabend, das hat er mit der Muttermilch in sich aufgenommen. Auf seine Kindheit angesprochen, sagt er: „Als mein Vater sich der Hinterlassenschaft meines Großvaters annahm, florierte die Spedition. Aber er war nicht allzu oft zuhause. Für mich als Junge wurde das irgendwann zur gelebten Normalität.“ Was für ihn heute zählt: „Das Messezentrum liegt nicht nur deutschlandweit gut im Rennen, es ist auch innerhalb Bad Salzuflens eine feste Größe. Wir haben uns in den Kurbetrieb integriert und zum wirtschaftlichen Leben der Stadt beigetragen. Der klassische Kurbetrieb ist seit der Jahrtausendwende auf dem Rückzug, unser Messezentrum hat maßgeblich dazu beigetragen, den Strukturwandel aufzufangen.“ Er blickt zuversichtlich in die Zukunft: „50 Prozent unserer Gesamtkapazität sind nach wie vor fest vermietet. Die Möbelbranche ist für uns noch immer ein Rückgrat, auch wenn so mancher Hersteller aus der Region heute nicht mehr existiert!“ Sein Schlusswort: „Ostwestfalen-Lippe ist eine leistungsfähige Region – stärker, als oftmals angenommen wird. Mit unserem Standort sind wir bestens aufgestellt, genau wie wir selbst.“

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